Veränderungen bereiten Freude!

"Sei Du die Veränderung, die Du von der Welt erwartest." (Mahatma Gandhi)

AKTUELLES THEMA:

____Aktuelles Thema vom 26.03.2015____________________________________________________
NPD verbieten - aber Pegida nicht?

Sowohl für ein Verbot der NPD als auch von PEGIDA gäbe es ausreichend rechtliche Grundlagen. Die Frage ist lediglich, ob und wer ein solches Verbot aussprechen will.

Der UN-Zivilpakt ermöglicht Verbote schon heute

Derzeit wird wieder darüber debattiert, ob die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) verboten werden müsse. Hintergrund der Debatte sind vermeintliche Verstöße gegen die deutsche Verfassung und der Verdacht rassistischer, volksverhetzender Äußerungen. Ein Verbot ist bislang – kurz betrachtet – daran gescheitert, dass die NPD vom Verfassungsschutz selbst in Führungsebenen auf eine Weise unterwandert war, die ebenfalls als rechtlich unzulässig erkannt wurde. Eine ähnliche Debatte wurde auch wegen der PEGIDA-Demonstrationen geführt. Dort waren Parolen und Meinungen in Erscheinung getreten, die in dieser Ausprägung ebenso gut auf einer NPD-Veranstaltung passend gewesen wären.

Sowohl bei der NPD als auch bei PEGIDA bietet das geltende Recht eigentlich ausreichend Spielraum und Vorgaben für ein Verbot, denn nicht nur von Deutschland sondern nahezu der gesamten Welt wurde der „UN-Zivilpakt“ (ICCPR – International Covenant on Civil und Political Rights, Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte) (www.zivilpakt.de) unterzeichnet. Der erste Entwurf dieses Zivilpaktes stammt von der UN aus dem Jahre 1966. Im UN-Zivilpakt sind unter anderem die Bedingungen bzw. Grenzen der Versammlungs- und Meinungsfreiheit beschrieben. Staaten, die den UN-Zivilpakt unterzeichnet haben, haben sich verpflichtet, die Vorgaben aus diesem internationalen Zivilpakt im geltenden nationalen Recht zu verankern.

Volkshetzerei darf in der Bundesrepublik keinen Nährboden haben

Artikel 20 Absatz 2 des UN-Zivilpaktes verpflichtet die Vertragsstaaten, jedes Eintreten für nationalen, rassistischen oder religiösen Hass, durch das zu Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt aufgestachelt wird, gesetzlich zu verbieten. In Deutschland wurde dieser Absatz insbesondere in §166 Strafgesetzbuch (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen), in §130 Strafgesetzbuch (Volksverhetzung, Störung des öffentlichen Friedens) sowie in §131 Strafgesetzbuch (gewaltverherrlichende Darstellung) geregelt.

Diskriminierung ist keine schutzwürdige Meinungsäußerung

Im Artikel 19 des UN-Zivilpaktes wird die Meinungsfreiheit geschützt – gleichzeitig werden ihre Grenzen aufgezeigt:

„(1) Jedermann hat das Recht auf unbehinderte Meinungsfreiheit.
(2) Jedermann hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder Druck, durch Kunstwerke oder andere Mittel eigener Wahl sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben.
(3) Die Ausübung der in Absatz 2 vorgesehenen Rechte ist mit besonderen Pflichten und einer besonderen Verantwortung verbunden. Sie kann daher bestimmten, gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die erforderlich sind
a. für die Achtung der Rechte oder des Rufs anderer
b. für den Schutz der nationalen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung (ordre public), der Volksgesundheit oder der öffentlichen Sittlichkeit.“

Die Versammlungsfreiheit findet ihre Grenzen im Gemeinwohl aller

Zuletzt können auch nach Artikel 21 des UN-Zivilpaktes die Demonstrations- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden, wenn die öffentliche Ordnung gestört wird oder Freiheiten und Rechte anderer verletzt werden:
„Das Recht, sich friedlich zu versammeln, wird anerkannt. Die Ausübung dieses Rechts darf keinen anderen als den gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die in einer demokratischen Gesellschaft im Interesse der nationalen oder der öffentlichen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung (ordre public), zum Schutz der Volksgesundheit, der öffentlichen Sittlichkeit oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer notwendig sind.“

Es gibt also ausreichend Mittel und Wege, um einer Versammlungs- und Meinungsfreiheit, die sich nicht mehr an der Verfassung und am Schutz von Minderheiten in Deutschland orientiert, zu untersagen. Im Vordergrund muss stets das Gemeinwohl stehen. Bei der NPD und bei PEGIDA gibt es zu Recht Vorbehalte dahin gehend, ob deren Bestrebungen noch gesellschaftskonform sind.

____Aktuelles Thema vom März 2015____________________________________________________
Fleißige Bienen an die Macht: Macht statt Ohnmacht für berufstätige Frauen

Es gibt sie überall. Auch in Ihrem Unternehmen. Vielleicht gehören Sie selbst dazu? Zu den fleißigen Bienchen. Das sind die zuverlässigen und immer emsigen Mitarbeiterinnen, die eine wichtige Stütze für das Unternehmen sind, aber – leider, leider – bei Projekten und Beförderungen häufig übergangen werden. Der Chef müsste doch sehen, wer hier die gute Arbeit stets abliefert. Doch gefördert und befördert werden oft diejenigen, die sich in den Vordergrund spielen. Andrea Och, versierter Markencoach aus Hamburg, ruft deswegen in ihrem Vortrag beim Studium generale an der Hochschule Lörrach die emsigen Bienchen zur Lust an der Macht auf, zum besseren Präsentieren der eigenen Marke: „Macht statt Ohnmacht!“

Selbstvermarktung der eigenen Stärken

Frauen liege das Selbstmarketing oft nicht. Sie drängten sich nicht oft genug in den Vordergrund. Wozu Macht? Wozu Erfolg? Die Arbeit macht doch auch so Spaß. „Macht kommt von machen können!“, erklärt Andrea Och. „Wollen Sie das machen können, was Sie machen wollen?“ Die rund 200 Zuhörer – übrigens keineswegs nur Frauen nicken bejahend. „Erfolg bedeutet Verwirklichung der eigenen Ziele!“, fährt sie fort. „Wollen Sie Ihre eigenen Ziele verwirklichen?“ Klar – wer will das nicht. Frauen müssen mehr Zeit dafür verwenden, sich als eigene Marke mit ihren Stärken zu präsentieren – sie müssen gesehen, ihre Arbeit erkannt werden. Stärken hat jeder. Wer seine Talente kennt, darauf sein Wissen (Lernen) aufbaut und das Können (Erfahrung/Erkenntnis) ergänzt, verdient mehr, hat mehr Freude bei der Arbeit. Leider verlören sich, so Andrea Och, viele Frauen in Perfektionismus, anstatt es wie die Mehrzahl der Männer zu machen: Wird eine Aufgabe angeboten, so rufen Männer aus voller Überzeugung: „Das mache ich. Das kann ich!“ Und dies selbst dann, wenn sie nur 50 Prozent der benötigten Fähigkeiten haben. Anders Frauen: Sie zögern, sich anzubieten, selbst wenn Sie 80 Prozent der für die Aufgabenbewältigung benötigten Fähigkeiten schon mitbringen. Statt 100 Prozent Mut wie bei den Männern zu entwickeln, sehen Frauen zunächst 100 Prozent Sorgen.

Ziele schriftlich zu fixieren hilft

In einer männlich geprägten Arbeitswelt kommen Frauen an die Macht, wenn sie einige der Spielregeln der Männer übernehmen: Lieber mal früher in den Vordergrund spielen. Statt Perfektionismus mehr Effizienz ins Spiel bringen: Nach der so genannten Pareto-Regel, lassen sich oft mit 20 Prozent Einsatz bereits 80 Prozent des gewünschten Zieles erreichen. Wichtiger sei es, so Andrea Och, die Ziele schriftlich zu fixieren. Das soll eine Langzeitstudie unter Studienabgängern der Harvard Universität belegen. Dort sollen Studierende, 10 Jahre nachdem sie die Universität mit Erfolg abgeschlossen hatten, befragt worden sein, ob sie seinerzeit Ziele für ihren weiteren beruflichen Werdegang gehabt hätten. 84 Prozent der Studenten hätten dies verneint. 13 Prozent hätten sich Ziele vorgenommen, aber diese nicht schriftlich fixiert. Lediglich 3 Prozent hätten schriftlich ihre Ziele niedergelegt. Absolventen mit Zielvorstellungen verdienten das Dreifache der Absolventen, die keine Ziele hatten. Und die Absolventen, die ihre Ziele schriftliche niedergelegt hatten, verdienten das Zehnfache und immerhin noch weit mehr als das Dreifache wie die Studienabgänger, die ihre Ziele nur im Kopf mit sich trugen. Das liegt daran, dass beim schriftlichen Formulieren der Ziele, die Vorstellungen viel konkreter und detaillierter erfasst werden. Umso geringer waren später die Irrwege und Zielkorrekturen.

Die gemeinsame Werbung macht Frauen stark

„Leistung macht nur 10 Prozent des beruflichen Erfolgs aus“, weiß die Hamburgerin aus Erfahrung. Die verbleibenden 90 Prozent teilen sich in 30 Prozent Selbstvermarktung und 60 Prozent Netzwerken auf. Wichtig sei es eben, seine Stärken zu kennen, seine Ziele klar zu formulieren und an den richtigen Stellen laut zu klappern. Und wichtig sei eben auch, sich selbst als Marke mit seinen Stärken und Zielen im Markt zu präsentieren. Der Funke kann nur überspringen, wenn die Flamme dafür im eigenen Herzen lodert. Ist das der Fall, so zieht die Ausstrahlung Förderer und Gönner an. Zu Beginn dieses eigenen Branding des eigenen Ichs kann auch helfen, sich mit einer anderen Kollegin geschickt zu verbünden, indem man vereinbart, dass bei jeder Gelegenheit immer positiv über die andere Kollegin gesprochen wird. Diese gegenseitige Werbetrommel funktioniert – garantiert. Bei dieser Idee staunen auch ein paar der anwesenden Männer. Es gibt nämlich auch emsige Arbeitsdrohnen, die von ihrem Chef übergangen werden.

 

Weiterführende Links:

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/coach-andrea-och-wie-frauen-schneller-karriere-machen-a-921292.html

http://www.forbes.com/sites/85broads/2014/04/08/why-you-should-be-writing-down-your-goals/

Weiterführende Literatur:

„Lust auf Macht“ (von Andrea Och) http://www.och-consulting.com/

„Work is not a job“ http://workisnotajob.com/de/ 
(Wunderbares Buch bzw. sehr gute Website einer Autorin, die sich selbstständig gemacht hat und anderen Mut macht, ihrem Beispiel zu folgen).
 

 

____Aktuelles Thema vom Februar 2015___________________________________________________
4 Jahre nach Fukushima: Frauen sind Japans Hoffnung

 

Aus Fukushima haben die Menschen gelernt, aber nicht der Betreiber der Anlage und leider auch nicht die Regierung. Dennoch gibt es Hoffnung für eine andere Energiepolitik. Mehr noch: Es gibt Gemeinden wie Yusuhara, die einhundertprozentig alternative Energiequellen einsetzen und autark von ortsfremden Energielieferanten geworden sind.



  

Am 11.03. ist der vierte Jahrestag der Fukushima-Reaktorkatastrophe. Für die im Umgang mit Erdbeben- und Tsunamikatastrophen erfahrenen Japaner war der anschließende Super-GAU im Atomkraftwerk zu viel des Schlechten. Noch immer glühen die durchgegangenen Reaktoren im Erdboden vor sich hin, müssen ständig mit frischem Meerwasser gekühlt werden und auch die fortlaufende Verseuchung des Erdreiches und vor allem des Pazifiks konnte bisher nicht gestoppt werden. Versuche, das Gelände um die havarierten Reaktoren einzufrieren, mit dem Ziel den Schadwasserabfluss zu unterbinden, waren gescheitert. Und bis heute gibt es keine Kühltürme oder andere Kühlsysteme, die in einem geschlossenen Wasserkreislauf die Reaktorkerne kühlen und gleichzeitig das aufgeheizte Kühlwasser wieder kühlen und rückführen könnten. Und bis heute haben weder TEPCO, die Betreiberfirma der Reaktoren, noch die Regierung wirklich etwas aus der Katastrophe gelernt. Wie leben die Menschen heute? Wird offen diskutiert? Welche positiven Beispiele gibt es in Japan, die aufzeigen, dass eine Trendwende in der Energiewirtschaft ohne Atomstrom nicht nur möglich, sondern geradezu ideal wäre?

Wyhl als Vorbild für eine atomfreie Welt

Es ist für uns Europäer, die wir selten in Asien waren und noch seltener die asiatische Kultur verstehen gelernt haben, sehr schwierig, die Situation vor Ort zu verstehen. Einblicke gewährt uns deswegen Erhard Schulz, der regelmäßig nach Japan reist und der fortlaufend Besuchergruppen aus Japan in seiner Innovation Academie e. V. in Freiburg empfängt. Schulz war 25 Jahre lang Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz, Baden-Württemberg, war dessen Mitgründer und ist bis heute Sprecher der Bürgerinitiativen Umweltschutz. Er gehört quasi zu den Begründern der Pro-Alternative-Energien-Bewegung. Und Schulz wird vor allem deswegen gerne in Japan empfangen und gehört, weil er den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl, das einzige, das je in Deutschland verhindert werden konnte, live begleitet hat. Man kann ein AKW verhindern? Das interessiert viele Japaner sehr. Schulz, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverband Windenergie (BWE) ist und in seiner Innovation Academie die Themen der alternativen Energieerzeugung darstellt, empfängt im Jahr 6.000 Besucher aus 45 Ländern. 

Bürger und Gouverneure sind gedanklich weiter als die Regierung

In Japan, so berichtet er, gäbe es vor allem einen hohen Anteil sehr gebildeter Frauen, die auch sehr engagiert seien. Dass Frauen so herausragend aktiv sind, hat damit zu, dass asiatische Männer gegen die traditionell geprägte Angst kämpfen, sie könnten ihr Gesicht verlieren. „Diskussionen finden Sie im japanischen Fernsehen und bei regionalen Veranstaltungen kaum – schon gar nicht live.“ Aus demselben Grund: Es könnten ja kompromittierende Fragen gestellt werden, es könnte der Organisator oder der eingeladene Gast verletzt werden. Von den 128 Millionen Einwohnern Japans, sind 75 Prozent aller Frauen und 60 Prozent aller Männer gegen den weiteren Einsatz von Atomkraft. Sie haben die Gouverneure auf Ihrer Seite – Gouverneure entsprechen in etwa den bei uns bekannten Regierungspräsidenten. In Japan müssen diese Gouverneure die Atomkraftwerke genehmigen, was sie spätestens seit Fukushima nicht mehr tun. Die Zentralregierung hingegen hält weiterhin stoisch an dieser Technologie fest. Es gibt allerlei Indizien, die Mafia-ähnliche Strukturen zwischen Beamten und Energiebetreibern nahelegen.

Konsequenzen der Katastrophe bis heute nicht abschließend überschaubar

Um das Ausmaß der Katastrophe und den heutigen Status richtig einordnen zu können, muss man Land und Leute begreifen. Man muss wissen, dass Japan aus 6.000 Inseln besteht: Es wird kaum Fleisch gegessen, sondern überwiegend Gemüse und natürlich Fisch. Dort, wo die Flutwelle seinerzeit die Landstriche überschwemmt hat, wurden die Gärten und die Landwirtschaft vernichtet. Nach vier Jahren wird dort allerdings wieder angepflanzt. Nicht so natürlich im Sperrgebiet: Diese Anbauflächen sind auf Jahrzehnte verseucht. Niemand weiß genau für welchen  Zeitraum – zumal das Grundwasser weiter durch das Kühlwasser verseucht wird. Die Mehrzahl der Anwohner lebt im Küstenraum, ernährt sich nicht nur von Fisch, sondern Fischfang ist natürlich für viele Japaner auch eine wichtige Einnahmequelle.  So sind auch Fischer die einige Hundert Kilometer von der Katastrophe entfernt leben, in ihrer Existenz bedroht. Wenn die einst beliebten Muscheln der Muschelbänke und der Fischfang nicht mehr verkauft werden können.

Glück im Unglück: Die Windrichtung

Als die Reaktoren explodierten, trieb glücklicherweise eine frische Brise die radioaktive Wolke aufs Meer und nicht in Richtung der Millionenmetropole Tokio. Auf dem Meer kondensierte die radioaktive Last und wurde wieder landeinwärts getrieben, wo sie in den Tausend Meter hohen Bergen abregnete. Glücklicherweise leben dort nur wenige Menschen. Bis heute ist die Strahlung an diesen Hotspots noch so stark, dass die Zeiger der Messgeräte bis über den Anschlag hinauspendeln. Eine Messung ist somit unmöglich. Dennoch leben in einigen Regionen noch Farmer und ältere Menschen: Wo sollen sie auch hin? Ihre Heimat ist hier – ihre Existenz war hier. „Weder die Regierung noch die Betreiberfirma haben die Menschen über Radioaktivität und ihre Langzeitbelastung aufgeklärt, sondern diese Aufgabe haben engagierte Ärzte übernommen“, erklärt Schulz in einem Vortrag. Die Zuhörer schütteln fassungslos die Köpfe.

Die Reaktor-Havarie wird bis heute nicht wirklich aufgearbeitet

Auch sonst liegt in der Aufarbeitung der Katastrophe einiges im Argen. Offizielle Gedenktage befassen sich beispielsweise nur mit den Opfern, die der Tsunami gefordert hat. Dank ausgeprägter Frühwarnsysteme, konnten sich viele Menschen in den drei bis vier verbleibenden Stunden noch retten und so verursachte der Tsunami relativ wenige Opfer. Und die Situation auf den 6.000 Inseln? „Niemand kam ums Leben, alle gingen in die Berge“, berichtet Schulz. „Die Japaner sind sehr versiert im Umgang mit diesen Naturkatastrophen – sie sind sie ja gewohnt, aber die Reaktorkatastrophe waren sie nicht gewohnt.“ In Folge der Reaktorkatastrophe mussten jedoch 200.000 Menschen ihre Heimat verlassen. „Es ist ein Heimatverlust, der so gewaltig ist, dass viele Ehen daran zerbrochen sind. Die Selbstmordrate ist hoch. Darüber wird in den Medien nichts berichtet.“

Container-Auffang-Stätten anstatt Heimat

Viele Menschen wurden in einfache Noteinrichtungen – im Regelfall Container – umgesiedelt. Wie lange sie dort leben müssen? 10 Jahre, 20 Jahre – 40 Jahre? Japaner geben nicht auf, wollen nicht ihr Gesicht verlieren. Es gibt keine exakte Statistik darüber, wie viele Ehen zerstört wurden: Die Frauen zogen weg, die Männer versuchten die Existenz zu retten und blieben, aber nach vier Jahren hatten sie dann auch noch die Partnerin verloren. Die Ehefrauen hingegen reagierten flexibler und – so muss man wohl feststellen – pragmatischer. 

Kein Atomstrom für Veranstaltung gegen Atomstrom: TEPCO veralbert sich selbst

Wie unbelehrbar und herzlos die Betreibergesellschaft TEPCO vorgeht und wie sehr sie sich dabei der Gunst der Regierung offensichtlich sicher sein kann, zeigt auch der erste Jahrestag von Fukushima. In Tokio wurde zu einer Großveranstaltung in einem sehr hübschen Park eingeladen – viele Tausende sind gekommen und wieder überwiegend Frauen. Den Strom für die Veranstaltung musste man aus Dieselgeneratoren erzeugen, weil die örtliche Strombetreibergesellschaft, eben jene TEPCO, nicht bereit war, für diese Veranstaltung Strom zu liefern. Auf der nach oben offenen Skala von mangelnder Ethik und Moral scheint TEPCO neue Höhen anstreben zu wollen. Oder man könnte es auch belustigt so betrachten: TEPCO veralbert sich geradewegs selbst mit solchen Aktionen.

Erhard Schulz war am ersten Jahrestag dabei und erzählt, er habe eine Atmosphäre wie in Wyhl vorgefunden. Es gab folkloristische Einlagen, Fachbeiträge, Musik und jede Menge andere Kultur, eben wie damals am Kaiserstuhl: „Der Widerstand, der aus der Kraft der Kultur kommt. Dieser Widerstand ist stark verankert.“ An diesem Jahrestag war sogar das Fernsehen präsent – interessant deswegen, weil die Berichterstattung in Japan immer noch sehr, sehr spärlich ist. „Doch der Deutsche, der da spricht, sei ja nur kurz zu Besuch, da könne man ruhig darüber berichten, der ist ja bald wieder weg“, so die Einschätzung vor Ort. Die Polizeipräsenz war hoch an diesem Tag, da man die Sorge hatte, die Menschen würden zum Parlament weiterziehen, um dort zu protestieren.

Später dann zogen tatsächlich 30.000 Menschen vor das Parlament – für die Offiziellen überraschenderweise. „Es hilft nichts, dass man in einem schönen Park demonstriert“, meint Schulz. „Man muss dorthin, wo die Politik gemacht wird.“ Während die berufstätigen Männer aufgrund der drohenden Gefahr eines Gesichtsverlustes die Proteste kaum vorantreiben, sind es vor allem die engagierten und gebildeten Frauen, die nicht nachlassen, eine andere Energiepolitik einzufordern.

Yusuhara – atomfreie Gemeinde

Während auch vier Jahre nach der Katastrophe die Regierung weiterhin jegliche Aufklärung verweigert, sich jeglichem Lernprozess widersetzt und offensichtlich in Strukturen gefangen ist, die keinerlei Umdenken erlauben, sind viele Gemeinden, die Bürger und eben auch die genannten Gouverneure viel weiter. Der Jahrestag ist deswegen ein guter Zeitpunkt, um auch mal positive Beispiele zu betrachten. Die gibt es und es sind oft kleine Gemeinden, die besonders aktiv sind, zum Beispiel Yusuhara. Die Gemeinde verfügt über einen Waldanteil von 93 Prozent, die Siedlung liegt am bzw. im Gebirge und erstreckt sich über einen Höhenunterschied von fast 1.000 Metern. Bekannt ist die Siedlung weit über Japan hinaus wegen ihres Goldenen Tempels, der jedes Jahr 1,5 Millionen Touristen in den Ort lockt – überwiegend Chinesen.

100 % autarke Energieversorgung

Obwohl der Ort sehr viele denkmalgeschützte Gebäude umfasst, sind überall auf den Dächern Photovoltaik-Anlagen zu finden, die Strom für die Selbstversorgung liefern. Die Gemeinde nutzt in gesundem Maße alles, was sie an Ressourcen hat. Durch den Höhenunterschied können im Gebirge Windkraftanlagen betrieben werden, die das Zehnfache an Strom erwirtschaften wie beispielsweise eine Anlage auf dem höchsten Berg des Schwarzwaldes, dem Feldberg, einfahren würde. Gleichzeitig kann hier – wie überall in Japan – gut Erdwärme per Geothermie erzeugt werden – natürlich wird das Wasser im regionalen Schwimmbad damit erwärmt. Und natürlich werden auch Bergbäche und Flüsse für Wasserkraftwerke eingesetzt. Eine wichtige Rolle spielt in Yusuhara auch das Holz. Es finden sich viele Holzhäuser und viele davon mit reisstrohgedeckten Dächern. Umfangreiche Wälder, vor allem mit schönen Zedernhölzern, werden für den Hausbau genutzt: Besonders das große, fünfstöckige (!) Rathaus ist komplett aus Zedernholz gestaltet und die Atmosphäre im Gebäude ist demensprechend natürlich und heimelig. Übrigens: Der gemeindeeigene Fuhrpark besteht überwiegend aus Solarfahrzeugen und natürlich gibt es überall ausreichend Solarstrom-Tankstellen.

Das positive Beispiel findet langsam Nachahmer

Holz von mittelmäßiger Qualität wird für die Aufzucht der traditionell sehr beliebten Shiitake-Pilze verwendet. Und was dann noch an Holzabfall übrig bleibt, wird als Pellets aufbereitet. In großen Säcken abgefüllt wird es den Hausbesitzern zum Verheizen als saubere Energie angeliefert. Yusuhara hat nicht nur eine hundertprozentige Autarkie bei der Energieversorgung erreicht, sondern plant auch Überschüsse dieser nachhaltigen Energie zukünftig an Nachbargemeinden abzugeben. Erfreulicherweise haben die bereits begonnen, von Yusuhara zu lernen und planen ihr eigenes Konzept der nachhaltigen und autarken Energieversorgung.

Kurzum: Es stellt sich schon die Frage, warum japanische Delegationen nach Freiburg kommen, um sich über den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl zu informieren und über alternative Möglichkeiten der Energieerzeugung zu informieren, wenn doch perfekte Beispiele quasi vor der eigenen Haustüre zu besichtigen sind.

Dafür wiederum weiß Erhard Schulz eine Erklärung. Es sei in Japan nicht üblich, sich an Vorbildern kleinerer Gemeinden zu orientieren. Eine große Stadt verlöre quasi ihr Gesicht, wenn sie zugeben müsste, gute Beispiele von einer kleinen Nachbargemeinde abzukupfern. Ein Gesinnungswandel hat sicherlich eingesetzt, dauere aber eben seine Zeit.

Und was wäre, wenn die Bürger die Energieumstellung über eine Eigenfinanzierung, also eine Bürgerbeteiligung, anstoßen würden? Das wiederum – hat Schulz erfahren müssen – sei ein No-Go, da Japaner vom Staat erwarten, dass dieser sich um alles kümmere.

Deutsche Energiewende als Vorbild

Bleibt also die Erkenntnis: Vielleicht, ja sogar sicher, hat Fukushima die Energiewende eingeläutet. Vielleicht ist das das einzige Gute an diesem GAU. Die Energiewende wird von ein paar kleinen Gemeinden und vor allem von gebildeten, engagierten Frauen in Japan unaufhaltsam weiter vorangetrieben. Dieses Engagement ist tief mit der Kultur der Japaner verbunden, muss teilweise traditionelle Sichtweisen überwinden, wird aber am Ende zu einer atomstromfreien Gesellschaft führen. Daran werden weder Mafiastrukturen, noch Energieversorger und schon gar nicht die Regierung auf Dauer etwas ändern. Der Transformationsprozess beschleunigt sich. Es ist erfreulich, wenn die Deutsche Energiewende – mit allen Problemen, die wir diskutieren und lösen müssen – ein Vorbild für den asiatischen Raum ist.

Fotos: © Erhard Schulz, Innovation Academie e.V. http://www.innovation-academy.de/ 

Autor: © Andreas Müller-Alwart, 10. März 2015
http://www.transfortainment.de

Weiterführende/Ergänzende Links:
Yusuhara Wooden Bridge Museum (zeigt eindrucksvoll die Zedernholz-Baukunst)
Das fünfstöckiges Rathaus aus Zedernholz (Website ProHolz, Österreich)
Die Innovation Academy (Projekt von Erhard Schulz) in Freiburg
Bundesverband Windenergie

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____Aktuelles Thema vom September____________________________________________________
Euro lebt  - Inflation gering - Wirtschafts wächst - kein Staat ist pleite:
Aber was spielt sich eigentlich hinter der Bühne dieses scheinbar erfolgreichen Theaterstückes ab?

Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Auf den ersten Blick muss man Angela Merkel auf die Schulter klopfen und zustimmen: Deutschland geht es gut. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) druckt und sammelt unvorstellbare Geldmengen ein, die wie ein Damoklesschwert die Vermögen der Bürger und die Realwirtschaft bedrohen. Mit Kunstkniffen in den Staatshaushalten und hoher Verdrängungskunst lässt sich die Misere nicht bewerkstelligen. Der Ankauf von Asset Backed Securities (ABS) durch die EZB verschärft die Situation nochmals gravierend.
 

 „Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

 Bei einem zweiten Blick bleibt von der positiven Selbsteinschätzung der Bundeskanzlerin und ihrer Politik wenig bestehen – jedenfalls wenn man die gesamten aufgestauten Reformen und Projekte betrachtet, die die Regierung vor sich herschiebt – wie schon viele andere Regierungen zuvor auch. 40 Prozent der zukünftigen Rentner werden eine Grundrente erhalten und werden potenzielle Kandidaten einer latenten Armut sein. Das ist keine Schätzung oder Prognose, sondern diese Rentner sind heute schon vorhanden und werden exakt mit diesen niedrigen Renten ihren Lebensabend bestreiten müssen. Den heutigen 1-Euro-Jobbern, Geringverdienern, Aufstockern und in einer „Schulungsmaßnahme“ befindlichen Mitbürgern wird es nicht besser ergehen, sofern sich nicht radikal etwas verändert. Und es ist nicht absehbar, dass sich für diese Personen etwas zum Besseren wendet. Nichts ist gut und noch weniger als Nichts ist besser geworden, also ist wohl nicht das Ende der Reformen erreicht. Die grundlegenden Probleme im Bildungswesen, Gesundheitswesen und im Investitionsbereich sind ebenfalls seit Jahrzehnten trotz Reformversuchen nicht gelöst worden. Sie verschärfen sich, je länger sie andauern. „Deutschland steht gut da“, meint Frau Merkel. Die Betonung liegt auf „steht“ – die Motivation für grundlegende Veränderungen ist über eine endlose Debatte zur PKW-Maut und über Sprüche zum militärischen Wiedererwachen Deutschlands nicht hinausgekommen.

Schuldenbremse oder Investitionen?

 Nach der Idee von John Maynard Keynes fordern nun wieder Politiker, die europäischen Staaten sollten die Konjunktur ankurbeln und Investitionen anstoßen bzw. selbst mehr investieren. Aber einige europäische Staaten wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland sind noch lange nicht über dem Berg, sondern immer noch verstrickt in der laufenden Krise, die mittlerweile auch einst robuste Nachbarstaaten wie Frankreich voll erfasst hat. Einerseits müssen Rettungsschirme finanziert werden, während andererseits Schulden abzutragen sind. Die sogenannte Schuldenbremse soll ja nicht nur pro forma wirksam sein, sondern de facto. Dies ist noch alles business as usual – also das typische neoliberale Handeln mit der Intention, dass endloses Wirtschaftswachstum möglich sei, dass unbegrenzte Ressourcen vorhanden wären, Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel sei und dass man nichts Grundlegendes ändern müsse. Doch nichts von dem ist wahr, also müssten doch grundlegende Reformen längst begonnen worden sein. Sind sie aber nicht – nichts ist davon zu erkennen. Auf der Habenseite mag man lediglich das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz), die fortschrittliche und wegweisende Energiewende, erwähnen, für die die Regierung nun allerdings auch eine Notbremsung aktiviert hat.

Im Finanzmarkt hat sich nichts wirklich verändert

 Was ist mit den Geldwerten, die auf die bad banks gebucht wurden? Was ist mit den gewährten Kreditvolumina? Wie hat sich der Wert des Euro während der fortlaufenden Erhöhung der Geldmenge verändert? Hierzu findet sich wenig Verständliches und Erhellendes in der allgemeinen Medienlandschaft. Insbesondere wird eine Thematik völlig tabuisiert, die zu Beginn der Finanzkrise noch eine große Bedeutung hatte: Der Markt der Finanzwetten – der Derivatemarkt und dort vor allem der Zertifikatehandel. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass es sich um reine Wettgeschäfte handelt und nur die Banken ihre eigenen Zertifikate-Konstruktionen überhaupt verstehen und – manchmal – auch erklären können, steigen immer mehr renditesuchende Anleger in diesen Markt ein, der von einem Tag auf den anderen völlig in sich zusammenbrechen kann. Die Anzahl unterschiedlicher Zertifikate soll zwischenzeitlich auf über 1 Mio. Produkte angestiegen sein. Hier blickt wirklich keiner mehr durch und alleine diese Intransparenz – noch verbunden mit der fehlenden Sachwertdeckung dieser „Wettvermögen“ – sollte Anleger eigentlich eine Warnung sein und sie vor diesem Markt zurückschrecken lassen. Dies ist aber nicht der Fall: Der gemeine Anleger kennt zwar Anlegerskandale mit geschlossenen Fonds, mit Immobilienfonds, er kennt Ausfälle von Aktieninvestments und bei vielen anderen Assets, aber bei Zertifikaten ging doch bisher immer alles gut, oder? Dies ist zum einen nicht richtig, denn es gab reihenweise Ausfälle bei diesen Wettgeschäften (Beispiel: Lehman-Zertifikate), zum anderen ist die Historie von Finanzprodukten leider vor allem eines: Sie ist keine Prognose für das, was zukünftig passieren wird. Im Gegenteil: Oftmals wird die Historie widerlegt und was einst gut lief und worin nun die Masse investiert ist, wird gerade deswegen gefährlich.

Der einst angestrebte Euro ist längst nicht mehr vorhanden

 Zurück zum Anfang – zum Blick auf „unser Geld“: Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Wagen wir noch einen anderen zweiten Blick, so stellen wir fest: Der eigentlich angestrebte Euro existiert schon lange nicht mehr. Wir haben heute eine Währung innerhalb einer Transferunion und außerhalb des bei der Einführung angedachten Stabilitätspaktes. Was wir jetzt Euro nennen, ist eine Währung, die sich im freien Fall befindet, die sich selbst entwertet. Wir merken es nur deswegen nicht, weil alle Währungen dieser Welt sich im freien Fall befinden und gleichzeitig abgewertet werden. Es werden ja nicht nur tonnenweise Euro sondern auch palettenweise Dollar gedruckt. Will man den Werteverfall des Euro betrachten, muss man ihn mit dem Goldpreis vergleichen und muss dabei zugleich berücksichtigen: Dieser Goldpreis wird zum einen durch Spekulationsgeschäfte beeinflusst und die Fixierung des Goldpreises findet in einem einfachen Telefonat zwischen ein paar Handelsbanken statt, die sich gegenseitig auf einen passenden Goldtageskurs einigen, der der aktuellen Nachfrage entsprechen soll. Soweit zum Wert der Währung und zu dem, was vom Euro heute noch übrig ist. Wenn also vom Wert einer Währung wie dem Euro die Rede ist, so stellt sich immer die Frage: Welcher Wert? In welcher Relation, in welchem Vergleich steht dieser Wert? Rasch wird der Wert des Euro – wie bei jeder anderen Geldwährung – als reiner Vertrauenswert entlarvt: Mit der Euro-Papiernote kann der Verbraucher einkaufen und das offensichtlich noch ganz gut. Das ist der aktuelle Wert. Er sagt nichts über den zukünftigen Wert aus.

Die wahre Inflationsrate lauert im Verborgenen

 Sofern man erfreut auf die niedrige (offizielle) Inflationsrate blickt, so ist es richtig: Das Aufschwemmen der Geldmenge kommt bislang nicht als erhöhte Inflationsrate beim Konsumenten an. Die Kaufkraft sinkt derzeit nicht dort, wo der Kunde es beim Einkaufen spürt, sie sinkt nicht im Heute. Stattdessen findet die Inflation versteckt auf den Vermögenswerten statt und dort wird insbesondere von den Konten des Mittelstandes munter umverteilt – vor allem in Richtung der oberen Vermögenden. So stehen zwar bei einer Kapitalanlage von 10.000 Euro und einer Verzinsung von 4 Prozent pro Jahr am Ende eines Anlagejahres 10.400 Euro (eventuell plus Zinseszins) auf dem Kontoauszug, die nach Abzug der Inflationsrate immerhin noch eine Kaufkraft von etwa 10.250 Euro haben. Dies gilt aber eben nur, wenn der Sparer dieses Geld nun verkonsumiert, denn buchhalterisch ist sein Vermögen schon heute betrachtet weniger Wert, da sich der Staat zu Negativzinsen bzw. Minizinsen refinanziert und somit der Geldwert fortlaufend sinkt. Was also sinkt, ist das Vermögen auf den Konten und zwar im zukünftigen Wert. Das klingt sehr abstrakt, das Prinzip lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Wer vor 15 Jahren eine Immobilie für 250.000 DM an einem lukrativen Standort gekauft und sie regelmäßig instand gesetzt hat, der würde heute wohl über 350.000 Euro beim Verkauf erzielen. Doch dieser Zuwachs wird erst erzielt, wenn die Immobilie verkauft wird. Stellt sich ein Jahr später heraus, dass das Grundstück dioxinverseucht ist, so hat die Immobilie keinen realisierbaren Verkaufswert mehr. Entscheidend ist also immer, welcher Erlös dann erzielt werden kann, wenn Kauf oder Verkauf stattfinden. Erst der dann entstandene Erlös oder Verlust sagt etwas über den Wert einer Währung in der Zukunft aus: Reine Buchwerte auf den Konten können hingegen täuschen. Jeder der Betroffenen, denen eine Schrottimmobilie angedreht wurde, kennt das Prinzip aus bitterer Erfahrung. Während die Immobilie für 300.000 Euro gekauft und finanziert wurde, was so auch in den Finanzbüchern dokumentiert wurde, kann sich beim Immobilienverkauf der Wert der Immobilie als deutlich niedriger herausstellen. Dieser Verlust fällt erst auf, wenn der Immobilieneigentümer den Wert der Immobilie im freien Markt realisiert. Das permanente Drucken des Geldes durch die Staatengemeinschaft ist gewissermaßen die schleichende Dioxinvergiftung der Gelddepots. Die Kauf- und Verkaufspreise entwickeln sich moderat , solange die Geldmenge nicht den Verkäufer-Käufer-Markt erreicht.

Vermögensinflation gut versteckt

 Während eine Konsumenten-Inflationsrate von mehr als 5 Prozent schon längst zu Schlagzeilen und Protesten geführt hätte, da dies der Konsument ja täglich beim Einkaufen spüren würde, ist die Vermögenswerteinflation ein gut versteckter Weg für den Staat, die Privatvermögen langsam in den Abbau der Staatsschulden zu überführen: Schwer zu erklären, schwer zu verstehen und schwer zu glauben für den Otto-Normal-Verbraucher. Ob deswegen die Mehrzahl der Medien erst gar nicht den Versuch unternimmt, diese Thematik anzusprechen? Und ob es auch daran liegt, dass die ABS so selten erklärt werden? ABS – kennen Sie nicht? Nein – nicht das Anti-Blockier-System im Auto. Dagegen spricht ja nun gar nichts. Asset Backed Securities sind gemeint. Herr Draghi, in seiner Funktion als Master der EZB, hat gerade einen groß angelegten [JW1] Angriff auf die Vermögenswerte gestartet, indem er den Ankauf von ABS in einem sogenannten QE-Programm forciert. Worum geht es hier?

ABS wie Waffen im Finanzmarkt

 Europaabgeordneter Sven von Storch erklärt dazu: „Hinter diesen kryptischen Abkürzungen stecken faktisch die Atomwaffen der EZB, die letzten und äußersten Mittel mit unbegrenzter Zerstörungskraft. ABS- und QE-Programme bedeuten nichts anderes, als dass die EZB Staaten und Banken direkt und faktisch ohne Hinterlegung irgendeiner wertigen Sicherheit oder Gegenleistung Kredit gewährt, also Geld druckt. … Es gibt keine Maßnahmen, die schneller und direkter in die Inflation führen, als die hier angesprochenen. Genauer: Es ist nachgerade ausgeschlossen, dass sich eine massive Inflation vermeiden lässt, wenn die Programme umgesetzt werden.“

Wenn der Geldsee auf die Staumauer drückt

 Man muss sich das so vorstellen, dass diese gedruckten Geldmengen von der EZB wie von einer Staumauer angestaut werden. Sie schwappen nicht auf den Markt, sind aber vorhanden und – das ist eben das Schlimmste – es gibt keine wirkliche Lösung, was mit dem aufgestauten Geldsee passieren soll. Der Druck auf die Staumauer wird immer größer – der Zulauf des Geldes wird weiter erhöht. Je mehr das Problem in die Zukunft verlagert wird, desto mehr verdrängt die Bevölkerung –und wohl auch die Politik? – dass es weiterhin besteht. Es potenziert sich sogar und die Gefahr einer unkontrolliert brechenden oder überlaufenden Staumauer wird immer größer. Was bisher unternommen wurde, war die Installation mehrerer Erhöhungen dieser Staumauer. Man hat weitere Staubecken – Rettungsschirme genannt – geschaffen, gleichzeitig aber immer mehr Flüsse in diese Staubecken umgeleitet. Das Gelddrucken – vergleichbar mit den Wasserzuläufen in die Staubecken – wird sogar noch forciert. Es ist, als ob jemand angesichts einer überlaufenden Badewanne noch den Wasserhahn aufdrehen würde, anstatt den Wasserablauf zu entriegeln.

Eine giftige, intransparente Brühe ergießt sich in den Geldsee

 Es kommt noch schlimmer: Diese Asset Backed Securities, die hier angekauft und im Staubecken der EZB eingelagert werden, sind kein reines Wasser, sondern eine giftige, schlammige Substanz, von der niemand exakt weiß, woraus sie besteht. „ABS, das sind jene zu undurchsichtigen Paketen zusammengeschnürten Schrott-Kredite, die maßgeblich die große Krise von 2008 ausgelöst haben“, erklärt EU-Abgeordneter von Storch. Diese risikoreichen Papiere kauft die EZB von den Privatbanken zurück, in der Hoffnung, dass diese Liquidität freibekommen, um mehr Kredite für die Realwirtschaft zu vergeben. Die Risikopapiere wandern zur EZB – die Privatbanken erhalten Anleihen, die weniger risikoträchtig sind. Weniger Risiko, bedeutet für die Banken auch weniger Rückstellungen, also mehr freie Mittel für die Investition in Unternehmen und Kreditvergabe für Unternehmen. Zur giftigen, schlammigen Masse, die hier aus dem Privatvermögen auf den Steuerzahler übertragen wird, kommt noch das unheilige Management. Black Rock, einer der größten Privatinvestoren, der gerade medienwirksam vorgibt, sich aus Russland zurückzuziehen, soll durch Draghi von der EZB damit beauftragt worden sein, diese ABS anzukaufen. Das muss man sich nochmal einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die EZB kauft Giftpapier von den Privatbanken zurück, damit diese mehr in private Unternehmen investieren können und diese Rückkäufe soll federführend einer der Hauptinvestoren der Privatwirtschaft durchführen. Wer hier nicht die Glocke der Interessenskonflikte scheppernd hört …

Solange die Staumauer hält, ist alles gut …

 So wie sich das Wasser seinen Weg zum Meer beziehungsweise immer zur tiefsten Stelle sucht, so sucht sich auch das Geld seinen Weg in den Markt. Wenn es dort angelangt ist, wird es Einfluss auf die reale Wirtschaft haben und es wird als deutliche Inflation wahrgenommen werden. Ist der Staudamm erst einmal gebrochen und ergießt sich die Geldmenge in die Realwirtschaft, so ist diese kaum mehr zu steuern. Professor Dr. Serge Ragotzky an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, Nürtingen-Geislingen, fasst es so zusammen: „Wenn die Menge eines Tauschgutes, in diesem Fall des Geldes, erhöht wird, ändern sich entsprechend alle Tauschverhältnisse. Darum ist auch ein Liter Wasser in Mitteleuropa nicht so teuer wie in der Sahara. Ökonomen wie Ludwig von Mises gaben deswegen bereits die Geldmengenausweitung und nicht erst den später folgenden Verbraucherpreisanstieg als die eigentliche Inflation bezeichnet. Es ist durchaus zu befürchten, dass die bereits stattgefundene und zusätzlich geplante Geldmengenerhöhung in der Eurozone zeitverzögert zu erheblichen Preissteigerungen führen wird. Unsichere Konjunkturaussichten können zwar das Ausgabeverhalten der Bürger über eine sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bremsen und damit den Geldmengenausweitungseffekt auf die Verbraucherpreisinflation temporär kompensieren. Die historische Erfahrung zeigt aber, dass die proportional zu erwartende Verbraucherpreisinflation mittel- bis langfristig in der Regel nachgeholt wird.“

Eine Flutwelle wird vor allem den „kleinen Sparer“ überrollen

 Eines ist in jedem Fall sicher: Die Staatengemeinschaft wie auch die privaten Investoren werden ihre Vermögenswerte längst in sicheren Häfen haben, wenn die Staumauer bricht und sich die Geldmenge in den Markt ergießt. Vor allem die in Geldwerte investierten Altersvorsorgesparer wird es nasskalt erwischen. Investoren wie Black Rock, die an der Quelle zusammen mit der EZB die Prozesse lenken, werden schön im Trockenen bleiben. Ein direktes Investment in Black Rock ist da sicherlich nachhaltig-renditereicher als in eine gesetzliche Riester- oder Rürup-Rente. Das mit dem „nachhaltig-renditereich“ sei besser gleich zurückgenommen. Nachhaltig? Ob und inwieweit die Investments von Black Rock nachhaltige Investments sind, ist fraglich. Doch das wäre mal ein ganz eigenes Thema. Wir merken uns nur: Die Krise ist nicht weg – sie staut sich nur unsichtbar hinter einer Mauer an. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie die EZB oder die amtierende Bundesregierung. 

 

____Aktuelles Thema vom August_______________________________________________________
Auf Sand gebaut:
Warum der Rohstoff Sand immer rarer wird und welche Folgen das haben wird

Wenn Nena das wüsste …: Aus der Traum vom Schloss aus Sand!
 

Zugegeben: Vom Strand von Elafonisi auf Kreta, habe ich mal ein kleines Glas Sand mitgehen lassen. Der Sand hat nämlich eine besondere Farbe: Rote Sandkörner sind darin eingeschlossen.

Und zugegeben: Ich hatte dabei ein verdammt schlechtes Gewissen. Ich hatte mir überlegt, wie viele Touristen an diesen Strand kommen und wie rasch der Strand leer wäre, wenn das jeder so machen würde. Und dann käme ja noch hinzu: Jeder Tourist hat den Sand am Körper, an der Kleidung und der Decke anhaften – jeder schleppt etwas Sand von diesem herrlichen Strand hinweg. Heute weiß ich: Es muss viel mehr passieren, damit ein solcher Strand verschwindet, aber: was die Touristen an Strand wegtragen, sind ebenfalls einige Tonnen Sand pro Jahr.  

Das Thema ließ mich seither nicht mehr los und seit ich dazu recherchiert habe, genieße ich jeden Anblick eines Strandes doppelt und dreifach. Doch der Reihe nach …

Zusammenhänge sind auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen

Kein Eingriff, den wir Menschen in die Natur vornehmen, bleibt wirklich ohne Wirkung. Manchmal übersehen wir gerade noch, welche Auswirkungen ein Eingriff haben könnte, meistens sind wir überfordert, die Tragweite unseres Handels und die vollständigen Zusammenhänge zu überblicken. Dies gilt für mit bloßem Auge unsichtbare Prozesse, z. B. in der Zelle, und für viele Wissenschaftsbereiche, z. B. die Biochemie und Gentechnologie ebenso wie für viele mit den Augen unmittelbar sichtbare Prozesse. Wir sind gerade dabei zu begreifen, dass unsere technischen Eingriffe in die Naturkreisläufe immer weitere technische Lösungen und wieder weitere Eingriffe benötigen, um die daraus resultierenden Folgen abzufangen. Wir sind gerade dabei zu verstehen, dass wir mit reinen technischen Lösungen oft nicht weiter kommen: Wir müssen sehen wie die Natur diese Themen bislang gelöst hat und wir müssen diese Lösungen bewahren. Noch besser: Wir müssen sie optimieren, aber mit den Prinzipien der Natur und nicht gegen sie.

Die Menge macht das Gift

Diese Erkenntnisse sind nicht neu – jedenfalls für die meisten Belesenen und Selbst-Denkenden unter uns nicht. Doch bislang lernen wir wenig daraus. Ich war vor Jahren auch noch ein glühender Verfechter der Wasserenergie. Und da schienen auch Staudämme ein geeignetes Mittel zu sein, gleichzeitig Energie zu liefern wie auch die Wasserversorgung über schwankende Niederschlagszeiten hinweg sicherzustellen. Ein kleines Mühlrad am Bach zum Schöpfen einiger Mengen des Wasserstromes für ein Feld oder zum Betreiben einer Getreidemühle, war als angepasste Technologie für die Natur kein Problem. Und auch eine Vielzahl von Staudämmen schien eher sinnvoll, denn widersinnig für die Kreisläufe des Wassers zu sein. Erst große, durch die Weltbank geförderte Staudammprojekte machten uns dahingehend hellhörig, dass wir es wieder einmal übertreiben. Dies – so schien es – waren lokale Katastrophen: Menschen wurde ihre Heimat genommen, wurden umgesiedelt, landwirtschaftliche Flächen und Wälder, ja sogar Städte mussten verschwinden. Ob das noch richtig sein konnte?

Mit dem fokussierten Blick auf diese Großprojekte ist uns der weite Blick auf die allgemeine Situation verloren gegangen. Wir schauen – ähnlich wie bei einem Öl-Tanker-Unglück – auf diese große Katastrophe und sind im Begriff zu übersehen, was latent passiert. So wird – um im Bild zu bleiben – weitaus mehr Öl durch tägliches Altöl-Abpumpen ins Meer gespült, als jemals durch irgendwelche Tankerkatastrophen. Bei den Staudämmen ist die Situation ähnlich: Die Großprojekte sind uns alle ein Begriff. Wir stehen staunend und skeptisch davor. Und wie ist das mit den vielen kleinen Staudämmen? Auch hier gilt: Die Menge macht das Gift! Es gibt Berechnungen, in denen allein in den USA seit der Unabhängigkeitserklärung 1776 auf Tage umgerechnet jeden Tag ein Staudamm gebaut worden sein soll. In China gilt, dass inzwischen praktisch kein Fluss mehr direkt das Meer erreicht – der Weg führt immer durch Stauseen. Zahlreiche Wasserreservoire trocknen aus. Es gibt einen Konflikt zwischen Wasser- und Energieversorgung. Damit die Turbinen laufen, muss Wasser fließen. Damit die Vorräte länger reichen, darf Wasser nur fließen, wenn es benötigt wird. Diese beiden Situationen stimmen zeitlich oft nicht miteinander überein. Soweit sind die Zusammenhänge alle noch verständlich und überschaubar.

Zurück am Strand von Elafonisi

Ein Vater spielt mit seinem Kind im Sand. Sie buddeln, backen Sandkuchen und eine Sandburg entsteht. Ein selbstverständliches Bild voller losgelassener Freiheit und zeitlosem Spiel. Aber ein Bild, das in nicht ferner Zukunft eine Seltenheit werden könnte. Was das mit Staudämmen zu tun hat? Sehen Sie sich einmal an, wo sich die schönsten, oft verschwiegensten Sandbuchten und -strände befinden. Genau: Sie sind immer dort, wo Flüsse ins Meer münden.

Es ist umso sandiger, je ungebremster der Fluss seinen steinernen Ballast ins Meer spülen kann, je mehr Flussströmung und Meeresbrandung die Steine zu feinem Sand zermahlen können. Wird dieser Ballast bereits im Fluss an einem Staudamm aufgefangen und/oder wird die Flussströmung ausgebremst, so gelangt viel weniger Ballast ins Meer. Unnütze Sedimente setzen sich als Geröll am Staudamm ab und müssen mit hohen Kosten ausgebaggert werden. Gleichzeitig fehlen die Sedimente im Meer. Die Folgen sind fatal. Bei steigenden Meeresspiegeln bietet der Sand einen weiteren, guten Puffer gegen die Brandung. Ist der Strand weg, unterspült das Meer nach und nach die Ufer, zieht sie ins Meer. Weltweit gibt es viele hunderte von Küstenkilometern, an denen heute Sand ins Meer gespült werden muss, um diesen Trend aufzuhalten, um Strände für die Touristen zu erhalten und um Villen und Hotels in Strandnähe zu schützen.

Sand ist nicht gleich Sand

Es kommt allerdings noch schlimmer und das weiß jeder Sandburg-Bauherr: Sand ist nicht gleich Sand. Der Sand, der von den Flüssen ins Meer gespült wird, ist ein quarzhaltiger Sand und nur dieser Sand eignet sich zum Bauen mit dem weitverbreiteten Stahlbeton. Wenn wir also zukünftig wieder davon sprechen, dass etwas so häufig ist wie „Sand am Meer“, sollten wir innehalten, denn der Sand am Meer wird immer seltener. Und wie immer, wenn etwas rar wird, wird es teuer. Und wenn es teuer wird, zieht es die Mafia an. Es gibt Fälle, in denen in Marokko für den Hotelbau in einer sandigen Bucht, der Sand aus der danebenliegenden Bucht zum Bauen verwendet wird. Kleindiebe schaufeln den Sand in Schubkarren, laden diesen in Lastkraftwagen, die Polizei wird bestochen, die Mafia verdient. Natürlich wird die Natur das in ein paar Jahren ausgleichen – dann werden beide Buchten keinen nennenswerten Strand mehr haben, aber für den Moment ist dem Investor Genüge getan.

Oder nehmen Sie Dubai. Betonburgen aus dem Nichts aus dem Boden gestampft und auf Sand gebaut. Um diese auf Sand zu bauen, musste der Sand aus Übersee herangeschafft werden, denn der endlos verfügbare Wüstensand enthält keinen Quarz und eignet sich nicht für Beton. Vielerorts werden Betonklötze mit Bambusgerüsten hochgezogen. Doppelt paradox, da Bambus ebenfalls herangeschafft werden muss. Und wenn jemals ein Baustoff den dringend benötigten und immer rarer werdenden Sand ersetzen könnte, so könnte dies Holz sein – vor allem der schnell wachsende Bambus.

Sand – ein Milliardenmarkt

Flüsse, Seen, Meere – alles wird leergebaggert. In einem mittelgroßen Haus befinden sich rund 200 Tonnen Sand. Wenn Sie das nächste Mal 900 Kilometer auf einer Autobahn zu Ihrem Lieblingsstrand an die Costa-wo-es-so-schön-ist donnern, rechnen Sie mal mit: 30.000 Tonnen Sand stecken in jedem Kilometer Autobahn. Im Irrwitz menschlicher Energieerzeugung, einem Atomkraftwerk, werden rund 12 Millionen Tonnen verbaut – lächerliche 400 Kilometer Autobahn. 40 Milliarden Tonnen soll der jährliche Bedarf an Bausand betragen und 15 Milliarden Euro sollen der Natur entnommen werden – Jahr für Jahr. So ganz genau weiß das niemand, denn Sie können sich vorstellen, dass ein Milliardenmarkt bei rarer werdenden Ressourcen natürlich die Sandmafia anzieht wie reife Zwetschgen die Wespen.

In Asien wird vielerorts illegal einfach Sand auf hoher See vom Meeresgrund aufgesogen. Dass dabei Milliarden von Pflanzen und Lebewesen zerstört und getötet werden und der Boden auf Jahrzehnte unfruchtbar gemacht wird, interessiert nur ein paar Umweltschützer und vielleicht ein paar Taucher, für die der indonesische Archipel fortan als Tauchparadies verloren ist. Die Malediven und die Seychellen – schon vom Wasseranstieg durch die Klimaveränderung betroffen – saufen jetzt noch schneller ab, weil man den Sand von der einen Insel holt, um damit Gebäude auf der anderen Insel hochzuziehen. Und je schneller die Nebeninseln vom Sand „befreit“ werden, desto schneller saufen sie ab, desto mehr Menschen retten sich auf die Hauptinsel und desto mehr Häuser müssen dort gebaut werden.

Wenn weg – dann weg …

Der Teufelskreis im Kleinen wie im Großen ist nicht aufzuhalten. Wo Flüsse aufgestaut werden, gelangt der Sand nicht mehr ins Meer. Wo der Sand in das Meer gelangt, wird er abgebaut oder geklaut. Und sofern er den Meeresboden und die Inseln erreicht, wird er dort abgepumpt und abgebaut. Dabei spielt es mittelfristig keine Rolle, ob der Sand direkt am Strand abgetragen wird oder auf hoher See.

Das Abpumpen des Sandes auf hoher See bewirkt, dass sich das Meer den Strand holt, um diese unterseeischen Lücken aufzufüllen. Mit anderen Worten – es ist wie beim Discounter: Wenn weg – dann weg – ausverkauft. Und wir meinen immer noch, wir könnten Herr der Lage sein oder werden? Und wir meinen immer noch, dass es langfristig gut geht, wenn wir weiterhin auf Wachstum wider die natürlichen Grenzen setzen? Wir meinen immer noch, uns nicht einschränken zu müssen? Morgen pflanzen wir alle Bambus und Stroh und bauen dann mit Holz und Lehm? Was wird wohl passieren, wenn wir das alle gleichzeitig so expansiv wie bisher tun?

Ich bau Dir ein Schloss aus Sand

Der Anblick eines jeden Strandes ist für mich ein umso wertvollerer und kostbarerer Genuss, seit ich diese Zusammenhänge erkannt habe. Und eine Liedzeile in einem Nena-Song „Ich bau Dir ein Schloss aus Sand – irgendwie, irgendwo, irgendwann!“ gewinnt an zusätzlicher Melancholie. Die kinderliebende Sängerin konnte es damals noch nicht wissen, aber vermutlich wird die Zeit knapp für Dein Sandschloss-Projekt.

Vermutlich hinterlassen wir unseren Kindern eine Erdkugel ohne Sandstrände, ohne das Wunderbarste, was Kinderfüße spüren, was buddelnde Hände fühlen und Touristenaugen erblicken können. Vermutlich werden wir zukünftig nur noch Strände in so fürchterlichen Hallen haben, in denen die Luft stickig und der Lärm unerträglich ist und die Leute dafür Eintritt bezahlen, um etwas in einem Betonstahlgebäude zu erleben, was sie kostenlos erleben könnten, wenn es solche Gebäude nicht gäbe? Ach sie meinen, dass diese Schwimmhallen ja überwiegend aus Glas bestehen. Stimmt: Und woraus wird Glas im Regelfall hergestellt? Aus Siliciumdioxid. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen soll, aber schauen Sie mal was Wikipedia dazu schreibt: „So besteht Sand vorwiegend aus Siliciumdioxid. Quarz ist reines Siliciumdioxid.“

Bericht: Andreas Müller-Alwart (Stand: August 2014)
Lektorat: Jasmin Wendt (http://jasmin-wendt.de/)